Medienforschung
Weblogs: Modeerscheinung oder moderner Journalismus?
Arbeiten Blogger journalistisch? Haben sie einen ethischen Kodex? Werden sie professionell ausgebildete Redakteure in Zukunft mehr und mehr verdrängen? Diesen Fragen geht der Dortmunder Journalistik-Absolvent Matthias Armborst in seinem Buch nach.

- Matthias Armborst ist selbst Blogger.
Dortmund. Sie sind in aller Munde und doch stehen sie nicht im Duden. Jeder spricht von ihnen, aber kaum jemand ist in der Lage, sie zu definieren: Weblogs, jene persönlichen Websites, deren Anzahl rasant wächst. Matthias Armborst, Journalistik-Absolvent der Universität Dortmund, ist mit seinem Buch „Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde? Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten“ ein Vorreiter in der Weblog-Forschung.
Im Mittelpunkt des Buches steht eine empirische Erhebung zur Blogger-Szene in Deutschland. 148 Blog-Betreiber und 16 Blog-Nutzer beteiligten sich im Sommer/Herbst 2005 an einer Online-Befragung. Die Erkenntnisse über die soziodemographischen Merkmale der Blogger sind nicht sonderlich überraschend: Betreiber von Weblogs sind mehrheitlich relativ jung, überdurchschnittlich gebildet und versierte Internet-Nutzer. Andere Ergebnisse, wie der journalistische Hintergrund vieler Blogger, erstaunen umso mehr.
Weblogs: Eine Gefahr für den traditionellen Journalismus?
Die Studie legt ein besonderes Augenmerk auf das Rollenbild von Bloggern im Gegensatz zu Journalisten. Außerdem analysiert sie das Verhältnis von Blogs zu den traditionellen Medien Zeitung, Hörfunk, Fernsehen und Film. Es galt also herauszufinden, inwiefern sich das Selbstverständnis und die Handlungsweisen von professionellen Journalisten und Blog-Betreibern ergänzen, gleichen, unterscheiden oder diametral entgegenstehen.
Halten sich Blogger an journalistische Qualitätsstandards? Sehen sie sich überhaupt in der Tradition von Journalisten? Geben sie beispielsweise ihre Quellen bekannt? Halten sie Informationen zurück, wenn ihre Quellen unsicher erscheinen? Diese und viele weitere Fragen kann die Studie beantworten. Dabei führt sie zu teilweise verblüffenden Ergebnissen, die einige Klischees über die oft abwertend als „Internet-Tagebücher“ bezeichneten Weblogs korrigieren. Beispielsweise gibt es durchaus einen informellen Kodex unter Bloggern: Verstöße werden mit Nicht-Beachtung und schlechten Kritiken des betreffenden Blogs geahndet.
Entwicklung der „Blogosphäre“

- Armborsts Buch ist eines der wenigen über das Phänomen Weblogs.
Im ersten Teil des Buches geht der heutige AP-Redakteur Matthias Armborst, der unter www.matthias-armborst.de sein eigenes Blog betreibt, auf den Wandel der öffentlichen Kommunikation und die Entwicklung der Blogger-Szene seit Ende der 90er Jahre ein. Er berichtet hauptsächlich über die „Blogosphäre“ in den USA, wo den Bloggern innerhalb der Kommunikationsgesellschaft schon jetzt eine Schlüsselposition zufällt. So bekamen bei der Präsidentschaftswahl 2004 neben Journalisten erstmals auch Blogger Zutritt zum Weißen Haus, um exklusiv über den Wahlkampf zu berichten. In den USA können erfolgreiche Autoren also allein mit Weblogs durchaus ihren Lebensunterhalt sichern.
Deutschland hingegen muss in Sachen Weblogs als Entwicklungsland bezeichnet werden: Laut Studie werden nur zwei Prozent der Websites der 148 befragten Blog-Betreiber von mehr als 20.000 Internet-Nutzern täglich besucht, wohingegen 44 Prozent der Blog-Betreiber angaben, sogar weniger als 100 Besucher täglich zu haben.
Unterschiedliche Entwicklungspotenziale
Matthias Armborst macht zudem Mentalitätsunterschiede zwischen amerikanischen und deutschen Bloggern deutlich: In den USA sind Blogger offen medienkritisch eingestellt und sorgten schon in zwei Fällen für die Entlassung hochrangiger Journalisten. So musste beispielsweise der CBS-Starmoderator Dan Rather aufgrund gefälschter Dokumente seinen Hut nehmen. Der Skandal namens „Rathergate“ wurde von Bloggern aufgedeckt und wanderte anschließend durch die Massenmedien. Amerikanische Blogger treten also gegenüber Journalisten sehr aggressiv auf und sehen sich nicht selten in der Rolle der Kontrolleure und Kritiker.
In Deutschland hingegen ist eine offene Konkurrenzsituation noch nicht erkennbar. In der Befragung gaben lediglich 18 Prozent der Blog-Betreiber an, mit dem traditionellen Journalismus unzufrieden oder sehr unzufrieden zu sein. Nach Meinung des Autors können Weblogs den professionellen Journalismus also durchaus ergänzen. Voraussetzung dafür ist allerdings ein Umdenken der Medienschaffenden, von denen ein Großteil Weblogs zu Internet-Tagebüchern degradiert.
Fazit
Das Buch von Matthias Armborst, dem seine Diplomarbeit mit dem Titel „Bottom-Up statt Top-Down“ von 2005 zugrunde liegt, bietet eine interessante Mischung aus belegbaren Fakten, Studienergebnissen und Interpretationen. Der Autor skizziert eine Momentaufnahme der „Blogosphäre“ in den USA und Deutschland und stellt die Ergebnisse einer empirischen Erhebung über das Selbstverständnis sowie die Handlungsweisen deutscher Blogger vor.
Viele Journalisten tendieren dazu, Blogger als Internet-Junkies mit einem zu großen Geltungsbedürfnis über einen Kamm zu scheren – wohl nicht zuletzt, um ihren professionellen Berufsstand zu verteidigen. Das Buch löst sich von diesem Klischee und entwirft ein Rollenbild von Bloggern, das mit journalistischen Arbeitsprinzipien – zumindest teilweise – vereinbar ist. So gibt laut Studie ein Großteil der Blogger seine Quellen immer an – und auch unsichere Informationen werden häufig gekennzeichnet.
Dennoch vermeidet es der Autor, eine unkritische Lobeshymne auf Weblogs einzustimmen. Auch die Kehrseite der Medaille wird beleuchtet, so etwa die Praxis einiger Blogger, auch Gerüchte und Informationen aus höchst zweifelhaften Quellen zu veröffentlichen, auch wenn sie dabei darauf hinweisen. Jedem Journalisten, der sich dem Thema Weblogs bisher – wie ich – aus berufsethischen Gründen verweigert hat, sei dieses Werk ans Herz gelegt.
Matthias Armborst: Kopfjäger im Internet oder publizistische Avantgarde? Was Journalisten über Weblogs und ihre Macher wissen sollten. Berlin: Lit Verlag 2006, 245 Seiten, 14,90 Euro
Lesen Sie auch das Interview mit Matthias Armborst:
„Publizistisches Paralleluniversum“
Externe Links
Das Blog von Matthias Armborst
Die 100 erfolgreichsten deutschen Blogger
Text: Stefan Burkard
Fotos: Matthias Armborst
[Artikel Drucken]
